Veddel und Corona

Solidarisch – auch über die Krise
hinaus!

Wir, das Lüttje Lüüd, sind ein solidarischer Info- und Kulturladen auf der Veddel. Neben einer wöchentlichen VoKü (Volksküche, Küche für Alle) und einem Spieleabend gibt es auch verschiedene Kneipenabende und andere kulturelle Angebote und Veranstaltungen bei uns. Im November letzten Jahres haben wir unsere Türen für den Stadtteil und alle Interessierten darüber hinaus geöffnet.
Seither ist es uns bereits gelungen, einen Anlaufpunkt für Kinder und Jugendliche aus dem Viertel zu bieten und ein paar inhaltliche Veranstaltungen abzuhalten. Zwar bedeutet Lüttje Lüüd (plattdeutsch) übersetzt „kleine Leute“, was aber nicht heißen soll, dass unsere Zielgruppe altersmäßig begrenzt ist. Lüttje Lüüd heißt nämlich ebenso „einfache Leute“ und da liegt unser eigentlicher Schwerpunkt: einfache Leute wie Du und ich, die Lust auf ein respektvolles Miteinander haben, für diejenigen ist das Lüttje Lüüd da.

Die Veddel gilt als der wohl ärmste Stadtteil Hamburgs und scheint von der Stadt in vielerlei Hinsicht fast vergessen. Allein die lokale Infrastruktur macht dies sehr deutlich. So leben hier ca. 5000 Menschen, die meisten davon in prekären Verhältnissen. Schimmelnde Wohnungen, Altersarmut und Existenzängste prägen den Alltag auf der Elbinsel. Dass die Stadt Hamburg dann lieber 10.000€ in die Vergoldung einer Hausfassade der Veddeler Brückenstraße steckt, anstatt das Geld in einen bitter nötigen Fahrstuhl an der S-Bahn-Station zu investieren, ist wohl nicht nur für uns mehr als fragwürdig. Jedoch zeigt auch so etwas nur einmal mehr wie und vor allem von und für wen die Politik in dieser Stadt gemacht wird. So gab es etwa bis vor vier Jahren bloß nur einen Allgemeinmediziner und eine Apotheke für die besagten 5000 Einwohner*Innen. Bis heute gibt es nicht einmal eine unfallärtzliche Versorgung auf der Veddel und das trotz der etlichen
HafenarbeiterInnen, die täglich hohen Risiken und gefährlichen Tätigkeiten im hiesigen Hamburger Hafen ausgesetzt sind. Dank der Poliklinik, in der Ehrenamtliche medizinische Unterstützung anbieten, gibt es inzwischen auch immerhin eine Anlaufstelle für psychologische Hilfsangebote. Dieses solidarische und somit äußerst wertvolle Projekt wurde von den Bewohner*Innen des Stadtteils verständlicherweise mit Kusshand empfangen.

Man kann also unschwer erkennen, dass
sich das Leben auf der Veddel ohnehin schon schwierig gestaltet. Somit liegt es auch nahe, dass die aktuelle Corona-Krise die hierlebenden Menschen noch einmal deutlich härter trifft als solche in wohlhabenderen, vergleichsweise übermässig versorgten Stadtteilen wie zum Beispiel Eimsbüttel, Eppendorf, Harvestehude und Co. Nachdem sich zum Beispiel auch die Helfer*Innen der Poliklinik der Situation anpassen mussten, bleibt den Anwohner*Innen lediglich eine psychologische Beratung per Telefon und eine medizinische Versorgung nur in akuten Notfällen. Menschen beispielsweise ohne Krankenversicherung oder jene, die sogenannten Risikogruppen angehören, leiden unter diesen Umständen folglich enorm.

Auch wenn uns das schon vorher klar war, möchten wir an dieser Stelle nochmals umso schärfer betonen, dass die Solidarität unser aller gefragt ist! Es gilt, sich gemeinsam zu organisieren und diejenigen Menschen zu unterstützen, die diese Krise und auch sonstige Notstände am härtesten treffen. Wo der Staat die Menschen mit seinen Einschränkungen und Auflagen in die Vereinzelung treibt, müssen wir ansetzen und gemeinsame Möglichkeiten des Handelns und eine Perspektive für ein solidarisches Zusammenleben auch „nach Corona“ schaffen. Auf der Veddel gründete sich bereits lange zuvor das Bündnis „Veddel solidarisch“, bestehend aus Anwohner*Innen und verschiedenen sozialen Projekten der Elbinsel. So wurde als direkte Reaktion auf die Ausgangsbeschränkungen eine Telefonhotline ins Leben gerufen, bei der Betroffene, Angehörige etc. Ängste, Fragen oder beispielsweise Einkaufswünsche im Falle einer häuslichen Quarantäne äußern können.

Es ist schön, zu sehen, dass es in dieser Gegend bereits einige Menschen gibt, die aktiv an einem Weg in eine solidarische Gesellschaft mitwirken möchten und in solchen Fällen tatkräftig Unterstützung leisten. Gemeinsam mit ihnen möchten wir noch unzählige mehr erreichen, um gemeinsam für eine lebenswerte Zukunft in diesem Stadtteil und auch weit über seine Grenzen hinaus zu kämpfen. Lasst uns auch nach dieser wilden Zeit, die für uns alle fremde, irritierende und zermürbende Umstände mit sich bringt, zusammenkommen, den alltäglichen Sorgen und Problemen entgegnen und uns gemeinsam neue Wege und Ziele erschließen.

Träume brauchen Räume!

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